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Credit: Ruth Hütte

Was mir durch den Kopf ging, als ich nach 20 Jahren einen Brief an meinen Vater schickte

by Kim Schubert // 24. November 2016

Irgendwie fühlt es sich nicht ganz real an. Eben noch stand ich der Postbeamtin gegenüber und hab die letzten verbliebenen Cent Stücke aus meinem Geldbeutel zusammengesucht.

Briefmarke gekauft. Drauf geklatscht. Und weg war er.

Der Brief für den ich die letzten 3 Jahre unbewusst darauf hingearbeitet habe, dass ich ihn endlich abschicken kann. Heute ist er im Briefkasten gelandet.

Es stand nicht viel drin.
Mehr als zwei Zeilen hatte ich nicht zu sagen.

“Ich möchte dich gerne kennenlernen.
Bitte schreib mir.”

Zwei Sätze.

Zwei Sätze, die für mich eine Überwindung gekostet haben und mein Herz zum rasen gebracht haben, wie schon lange nichts mehr.

Ich weiß nicht, wer dieser Mensch ist, an den ich den Brief geschickt habe.

Alles, was ich weiß, ist sein Name und dass er derjenige ist, der üblicherweise die Vaterrolle in meinem Leben übernommen hätte.

Bis heute noch tue ich es mir schwer ihm diese Bezeichnung zu geben.

Es will mir nicht über die Lippen kommen, dass er wirklich mein Vater ist. Einen Vater kennt man doch. Ein Vater ist doch für einen da gewesen. Oder man weiß zu mindestens mehr über seinen Vater, als bloß seinen Namen.

Es war eine Mischung aus Widerwillen, aber auch Ekel und Abstoß, die immer dann hochgekommen ist, sobald das Thema “Vater” in meinem Leben auftauchte.

Aus meiner Perspektive hatte ich keinen Vater.

Und auch wenn es kalt klingen mag..  aber die einzige Bezeichnung, die sich für mich nach wie vor gut anfühlt und die ich in den letzten 20 Jahren für diese Person benutzt habe, ist Erzeuger.

Ja, er hat mich gezeugt. Ja, ich trage ein Teil seiner DNA in mir. Ja, auf meiner Geburtsurkunde steht unter seinem Namen vielleicht “Vater”.

Aber das macht ihn noch lange nicht zu meinem Vater.

Als ich den Brief geschrieben habe, hab ich mir den Kopf zerbrochen, wie ich ihn denn am besten nennen sollte? Soll ich ihn mit Vater ansprechen? Oder mit seinem Vornamen? Oder als Herr B*****?

Wie spricht man denn jemanden an, den man nicht kennt? Hallo Fremder?

Irgendwie war alles nicht so wirklich passend und hat mich nicht zufriedengestellt. Also hab ich das einfach mit der Ansprache sein gelassen und bin gleich auf den Punkt gekommen.

Warum ich ihn kennenlernen will?

Ich glaube, ich möchte mir einfach mein eigenes Bild von ihm machen. Ich möchte seine Energien spüren. Sein Wesen sehen. Erkennen, dass auch er doch nur ein Mensch mit einer Geschichte ist.

Alles, was ich von ihm weiß, beruht auf Erzählungen von anderen. Aber man lernt einen Menschen auf eine andere Art und Weise kennen, wenn man ihm nahe sein kann.

Ich weiß nicht, ob ich ihm nahe sein kann. Auch weiß ich nicht, ob ich überhaupt in der Lage sein werde sein Wesen wirklich zu spüren. Vielleicht werde ich mit einem so massiv großen Panzer um mein Herz ihm begegnen, dass nichts durchkommt.

Vielleicht werde ich aber auch ganz weich sein.
Weich, so wie ich es von mir gewohnt bin. Mit einem offenen Herzen und einem Blick, der vergeben kann. Vielleicht werde ich einfach nur da sein mit diesem Menschen. Mit ihm einen Kaffee trinken und versuchen ihn zu verstehen.

Heute – mit dem Abschicken dieses Briefes- hat für mich eine neue Reise ins Unbekannte begonnen.

Weder weiß ich, ob ich eine Antwort bekomme, noch kann ich sagen, wie die Geschichte sich weiter entwickeln wird.

Alles, was ich weiß, ist, dass ich heute den Moment gespürt habe, dass es an der Zeit ist. Er hat sich angebahnt dieser Moment. Die letzten Monate immer wieder leise an der Tür geklopft.

Immer wieder hab ich die Tür einen Spalt weit aufgemacht. Vorsichtig. Sachte. Behutsam geguckt, was die Vorstellung ihn kennenzulernen mit mir macht.

Und heute habe ich gemerkt: Ja, ich bin bereit.

Ich kann ihm gegenüber treten, ohne mich zu verlieren. Nicht umsosnt habe ich in den letzten Jahren gelernt, wie ich an mir selbst festhalte. Nicht umsonst soll all’ die emotionale Arbeit der letzten Zeit gewesen sein.

Ich spüre eine innere Stärke in mir, die immer präsenter in meinem Leben wird. Sie verlässt mich immer weniger und es fühlt sich so an, als hätte sie endlich Wurzeln geschlagen in meinem Wesen.
Und das fühlt sich gut an.

Was auch immer geschehen mag.. ich bin bereit dafür. Und vertraue darauf, dass wenn ich es brauche, ich gehalten werde. Von Unbekannten, von Freunden, von Familie oder von etwas viel Größerem als all das.

Alles, was ich weiß, ist: Ich bin nicht alleine.

Warum ich dir das schreibe?

Vielleicht fragst du dich jetzt, warum ich etwas so intimes mit dir teile. Und glaub mir: Diese Frage habe ich mir auch schon oft gestellt.
Ich kann dir nur insofern eine Antwort geben, dass dieser Schritt sich in meiner eigenen Entwicklung unglaublich groß und wichtig anfühlt. Es ist mehr als nur Frieden mit den Eltern zu schließen.
Meinem Vater zu begegnen wird Dinge in mir hervorrufen, denen ich mir noch nicht bewusst bin. Es sind die „dark spots“, die ein jeder von uns in sich trägt und die manchmal erst mit Hilfe eines Gegenüber sichtbar werden können. Dann, wenn wir uns entscheiden Licht ins Dunkle zu bringen.

Ich will nicht länger in diesem Nebel rumstochern. Mich immer wieder fragen müssen, wer dieser Mensch denn eigentlich ist.

Und mit dieser Entscheidung, entscheide ich mich dafür meinen Schatten zu begegnen. Auch wenn ich die letzten Jahre immer wieder mit dem Gedanken gespielt habe ihn kennenzulernen, so hat mich immer wieder die Angst davor fest im Griff gehabt.

Nicht die Angst vor ihm. Sondern vor mir. 
Was, wenn irgendetwas in mir ausgelöst wird, das ich selbst nicht kontrollieren kann?
Was, wenn ich handgreiflich werde? (Ich mein.. mehr als einmal hab ich mir vorgestellt ihm eine runterzuhauen.) Was, wenn ich nicht mehr Herr über mein eigenes Ich sein kann?

Es waren so viele Ängste in mir. Aber die größte Angst war tatsächlich mich selbst zu verlieren. Aber auch Dinge in mir zu entdecken, die ich lange Jahre gut versteckt in einer Box hielt und denen ich gegenübertreten werde.

Diese Entscheidung ist ein noch größeres „Ja“ zu allen Seiten von mir. Ein noch radikaleres Annehmen von meinem ganzen Wesen.

Und ich hoffe so inbrünstig, dass dieser Text dein Herz erreicht und womöglich Menschen erreicht, die in einer ähnlichen Situation stecken. Menschen, die einen ähnlichen Schritt auch wagen wollen, aber sich noch nicht ganz trauen.

Ich hoffe mit diesem Text zu inspirieren und Mut zu machen.

Mut deinen Schatten zu begegnen.
Mut einen Weg der Heilung einzuschlagen.
Mut ein Stück weit tiefer „Ja“ zu dir zu sagen.

Nur das beste dir,
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Ich würd’ mich riesig freuen, mehr von deiner Geschichte zu lesen, falls du Lust hast sie zu teilen. Kennst du deinen Vater? Wie hast du ihn wieder kennengelernt? Bist du im Reinen mit eurer Beziehung? Hast du auch eine Mut-mach Geschichte zum erzählen? Am liebsten würde ich jedem Menschen diese Fragen stellen. Sie sind alle so verschieden und ähneln sich im Kern doch irgendwie immer ein Stück weit.

Auf das wir alle irgendwann den Mut finden, uns den Dingen zu stellen, für die wir jetzt vielleicht gerade noch nicht bereit sind  ♥

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Bist du bereit für mehr Intimität und Echtheit?

Falls ja, dann komm in meine SISTERHOOD Gruppe und lese exklusive Texte von mir, die nicht für die breite Öffentlichkeit bestimmt sind.

Ja! Ich bin bereit.
2017-06-09T14:13:11+00:00
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