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„Dein Kind hat ein Recht auf seinen Schmerz“, sagte mein go-to-Therapeut-für-schwierige-Zeiten zu einer meiner Heilungs-Mitstreiterinnen. Die Mutter hatte sich in einem Muster verstrickt, ihre Tochter vor allem und alles beschützen zu müssen. Und ich muss zugeben: Mir fiel die Kinnklappe erstmal ein Stück weit runter. Aber als ich diesen Satz das erste Mal hörte und ihn wirklich an mich ranließ, hat sich mein Weltbild ordentlich auf den Kopf gestellt.

Was? Mein Kind soll ein Recht auf seinen*ihren Schmerz haben? Wird meine Rolle als Mutter nicht sein, alles mögliche zu tun, dass mein Kind keine Schmerzen erleiden wird, die es nachhaltig in seiner*ihrer Entwicklung hindern? Und wie sähe denn so eine Beziehung zu meinem Kind aus, wenn ich ihm*ihr das Recht auf seinen*ihren Schmerz lasse?

Wir brauchen Schmerz um wachsen zu können. Schmerzvolle Erfahrungen sind Teil unseres Lebens und die gute Nachricht, mit der wir uns konfrontieren dürfen, ist: Ja, unsere Kinder werden mit einer hohen Wahrscheinlichkeit in ihrem Leben Schmerzen erleiden. Ihnen werden Dinge widerfahren, die für ihr Alter nicht angemessen sind, seelische, vielleicht auch körperliche Gewalt, erfahren, ihre Grenzen werden übergangen und sie werden in ihrer Autonomie untergraben werden. Und möglicherweise werden manche dieser Situationen zu viel für unsere Kinder sein. Sie werden überfordert sein, so ein Ereignis zu integrieren und zu verarbeiten, einfach weil es ihre emotionale Kapazität übersteigt.

Das verheerendste, was dann für ein Kind passieren kann, ist nicht genügend Unterstützung zu erfahren. Und aus lauter Verzweiflung und nicht-einordnen-können verfallen sie der Lüge, dass sie ja irgendwie selbst dran schuld seien müssten. Glaubenssätze, wie “Ich bin falsch”, “Ich hab schuld” und “Ich bin nichts wert” haben meist da ihren Ursprung. Trotzdem muss eine schlimme Situation nicht gleich zu einem Trauma werden. Das was danach passiert, ist entscheidend. Es können (müssen aber nicht zwangsläufig) sich Traumastrukturen bilden, die dem Kind eine verzerrte Wahrnehmung seiner*ihrer Selbst gibt und es im späteren Leben Schwierigkeiten haben wird, sich davon wieder ganz zu lösen.

Das mag sich erstmal krass anhören und -keine Frage- ist es auch, aber ich versuche mich mit meiner fortschreitenden Schwangerschaft schonmal daran zu gewöhnen.

Weil wenn ich diese Lebensrealität, die meinem Kind begegnen wird, nicht verblende, nicht so tue, als würde mein Kind in eine „heile Welt“ geboren werden, dann kann ich damit umgehen. Ich kann mich auf eine angemessene Begleitung vorbereiten. Und verpuffer nicht all meine Kraft, zu versuchen mein Kind beschützen zu wollen. Weil vor dieser Kultur, vor der Erfahrung des Lebens und was es heißt Mensch zu sein auf dieser Welt zu dieser Zeit, davor kann ich mein Kind sowieso nicht schützen.

Also verbringe ich lieber meine Zeit damit, Antworten parat zu haben auf die Frage, was ich tun werde, wenn mein Kind schmerzvolle Erfahrungen sammelt. Hier sind ein paar davon:

Was du tun kannst:

1. Dem Kind Fähigkeiten mitzugeben, die ihm helfen, mit Hilfe seiner*ihrer Gefühle schwierige Situationen möglichst schnell und angemessen zu verarbeiten 

Folgende Situation passiert (bsw. ist schon passiert): Corona bricht aus. Die Welt steht Kopf. Plötzlich darf dein Kind seine*ihre Freunde nicht mehr wieder sehen. Der geregelte Ablauf, den dein Kind womöglich seit Jahren gewöhnt ist, bricht von jetzt auf gleich weg. Vielleicht kriegt es mit, dass die Eltern in finanzielle Not gelangen. All das ist in binnen weniger Wochen passiert. Die Frage, für die wir jetzt doch am meisten Raum haben sollten, ist: Wie geht es dir? Welche Gefühle fühlst du? Bist du traurig? Wütend auf deine Lehrer*innen? Wenn ja, ist es gut dieser Wut gerade Raum zu geben? Oder braucht es eigentlich die Kraft der Trauer, um die Situation besser annehmen zu können? Hast du Angst, weil du das alles nicht einordnen kannst? Was brauchst du, um besser mit all den Veränderungen umgehen zu können?

Wenn wir unsere Kinder darin unterstützen, Dinge zu verarbeiten, Gefühle im gegenwärtigen Moment zu fühlen, dann unterstützen wir sie darin in einem “organisierten” Zustand zu bleiben. Ein innere Organisation ist das Fundament für ein reguliertes Nervensystem. Und ein reguliertes Nervensystem ist das Fundament für in sich ruhende und gestärkte Kinder.

2. Deine eigene Selbstregulierungsfähigkeit erhöhen und Vorbild darin sein  

Was tust du, wenn du im erhöhten Stressmodus bist? Wie bringst du dich zur Ruhe und erdest dich wieder? Wie findest du den Weg zurück zu deiner inneren Anbindung? Dein Kind lernt von dir. Und es lernt vor allem auf den feineren und energetischeren Ebenen von dir, sprich: Nervensystem.  Du kannst deinem Kind noch so viel erzählen oder versuchen vorzuspielen, dass du entspannt bist. Aber wenn du unentspannt und gestresst bist, kriegt dein Kind das mit. Ob du willst oder nicht. Also .. was sind deine best-of-Strategien, um dich wieder zu zentrieren und in deine Mitte zu bringen? Ein Spaziergang barfuß durch den Wald mit deiner Lieblingsmusik auf den Ohren? Eine heiße Badewanne mit Lavendel-Duft in der Luft? 5 Minuten Stille auf deinem Meditationskissen? Dich einmal durchschütteln und laut ins Kissen schreien? Alles ist erlaubt und hier heißt es, dich besser kennenzulernen. Je besser du weißt, was du brauchst, um wieder zurück zu dir zu kommen, desto schneller wird es auch in schwierigen Zeiten klappen. Und umso leichter wird es dein Kind später mal haben, verschiedene Strategien für sich selbst herauszufinden.

3. Da sein. Raum halten lernen.

Hör deinem Kind zu, was für Erfahrungen es wirklich macht. War es wirklich so schlimm oder hast du selber mal eine ähnliche Situation erlebt, die für dich schlimm war und projizierst auf dein Kind, dass es für sie*ihn genauso schlimm gewesen sein muss? Wenn du merkst, dass dich selbst etwas überfordert, du im Ausnahmezustand bist und nicht mehr weiter weißt, dann such’ dir die passende Unterstützung. Es ist okay, wenn du selbst erstmal etwas brauchst, um dann dein Kind gut darin begleiten zu können. Ich wiederhole: Es ist völlig okay. Manches ist einfach zu krass für uns. Und wir können anderen den Raum nicht dafür halten, weil wir selbst dafür noch nicht genug Raum gehalten bekommen haben. Schließe Frieden damit und erinnere dich: Du musst nicht alles können. Manchmal ist das weiseste und klügste, was du tun kannst, zu sagen: Hier komm ich nicht weiter, ich brauche Hilfe.

Und dann hilft wirklich nur noch eins:

4)  Vertrauen.

Vertrau deinem Kind, dass es sich die nötige Unterstützung sucht, die es braucht. Wichtig ist auch zu wissen, dass Kinder nicht immer auf die gleiche Art und Weise Dinge verarbeiten, wie wir Erwachsenen. Was wir manchmal viel über Reden oder Körpertherapie verarbeiten, verarbeiten Kinder während sie spielen oder in ihrer vertrauten Umgebung Sicherheit und Geborgenheit finden.

Vertrau der Zeit, dass es mal länger und mal weniger lange dauert. Heilung ist kein linearer Prozess, Traumaaufarbeitung auch nicht.

Vertrau dir selbst, dass du dein Kind gut und sicher begleiten kannst. Vertrau deinen Fähigkeiten. Du machst das gut. Richtig gut.

Und zu guter Letzt: Vertrau dem Leben. Vertrau darauf, dass zur richtigen Zeit und am richtigen Ort, die passende Unterstützung auftaucht. Das können verschiedenste Kräfte sein, die dein Kind tragen und euch Halt geben werden.

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Mein Fazit: 

Trauma ist ein Teil vom Leben. Früher oder später trifft es uns alle. Auch unsere Kinder. Das tolle daran ist, dass die Natur eines jeden Trauma beinhaltet, immer bewältigt werden zu können. Sprich: Dass es immer einen Weg der Heilung gibt und das egal was passiert, wir immer ganz bleiben.

Mittlerweile ist meine Tochter auf der Welt und ich kann jedes Mama und Papa Herz verstehen, das darauf ausgerichtet ist, das eigene Kind beschützen zu wollen. Und ja, auch ich werde versuchen meine Tochter vor Teilen dieser Welt zu beschützen. Aber viel mehr noch will ich, dass sie dieser Welt begegnen kann. Dass sie diese Welt erkunden kann, ausgerüstet mit einem Werkzeug-Koffer, auf den sie zurückgreifen kann, auch dann, wenn sie in schwierigen Zeiten steckt.

Wenn es sie mal erwischt hat, dann ist es mein Wunsch für sie da zu sein. Und hoffentlich genug eigenes Vorbild gewesen zu sein, wie ich selbst mit meinen Trauma-Punkten umgegangen bin:

Liebevoll, sanft und mit einem selbstfürsorgendem Herzen.

Auf dich, dein phänomenal-fantastisches Eltern-Sein und auf deine Kinder.

In Liebe,

P.s: Ich biete trauma- und körperzentriertes Coaching an, vor allem in den Bereichen Partnerschaft, Liebe und Sexualität an. Wenn du Interesse an einem Kennenlern-Coaching für einen reduzierten Preis hast, dann findest du hier alle weiteren Informationen.

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2020-05-12T07:21:43+00:00