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EINLEITUNG: Der Artikel entstand aus einer Frustration heraus und dem Gefühl, dass ich mich als Frau/Mensch/weiblich konditioniertes Wesen in vielen öffentlichen Medien nicht verstanden fühle. Erst heute bin ich in einem Artikel, der sexuelle Übergriffe und die #metoo Debatte nochmal aufgenommen hat, über folgende Zeilen gestoßen: “Why didn’t she just get out of there as soon as she felt uncomfortable?”

Meine persönliche Reaktion auf diese Zeilen ist gespalten zwischen heftigster Wut und einem “Wie könnt ihr nur?!” und einem etwas milderem “Wow. Wie wenig wir über uns als sexuelle Wesen wissen und wenn wir uns wirklich mit diesem Thema an die Öffentlichkeit wagen, dann müssen wir auch bereit sein, damit in die Tiefe zu gehen und solche Fragen nicht unbeantwortet offen stehen zu lassen.”

Deswegen ist der Artikel so halb als Antwort auf diese Frage gedacht, warum ich als Frau (und vorallem als junge Frau) mal nicht so eben mich aus einer sexuellen Situation befreien kann, selbst dann, wenn ich merke, dass ich mich nicht wohl und sicher fühle und warum das theoretisch sich ja alles ganz leicht anhört, aber in der realen Erlebnisswelt ganz anders aussieht.

Ich mag Einblick in meine Innenwelt geben, einfach weil ich weiß, dass es für manche von uns, so ziemlich das schwerste überhaupt ist, sich selbst in der Sexualität treu zu bleiben, weil ein Apparat am wirken ist, der sich über uns stülpt und uns ziemlich fest im Griff hat. Diesen Apparat nenn ich in diesem Artikel “Panzer”. Es geht um meine ganz persönliche sexuelle Selbstermächtigung und das diese mir genommen wird von meinem “Panzer”, meinen Sicherheitsapperat, der mich in vielen sexuellen Situation davor bewahrt hat, wirkliche Seelenschäden zu erleiden. Das hat in erster Linie relativ wenig mit meinem Gegenüber zu tun.

Soweit dazu. Ich möchte auch nochmal betonen, dass es an eine Unmöglichkeit grenzt in EINEM einzigen Artikel ein so facettenreiches und vielschichtig komplexes Thema wie die menschliche Sexualität und ihre Traumata, die sie mit sich bringt, unterzukriegen. Bitte brescht also nicht auf mich los, wenn sich jemand angegriffen fühlt oder sich der Unvollständigkeit beschweren sollte.

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Mein Panzer, mein Freund. 

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Als ich angefangen habe, mich mit meiner Sexualität zu beschäftigen, war ich so stumm wie eine Kirchenmaus. Ich wusste noch nicht mal, wie ich ein einfaches „Nein“ über meine Lippen bringe. Und wie oft hab ich mich in Situationen wieder gefunden, wo mein ganzer Körper, mein ganzes Wesen innerlich ein „Nein“ geschrieen hat. Es war so laut und unüberhörbar. Und trotzdem hab ich den Zugang zu meiner Zunge nicht gefunden. Und trotzdem war alles in mir, wie betäubt, ohnmächtig ergeben gegenüber der Situation.

Als ich mir dessen mehr und mehr bewusst wurde, wurde es immer schmerzhafter. Es ist was anderes, wenn man die ersten Jahre einfach stumm ist und sich nichts weiter dabei denkt. Fast als wäre es normal. Aber mehr und mehr aufzuwachen und zu verstehen, was für Verletzungen man sich durch die eigene Stummheit zufügt, ist schmerzhaft. Verdammt schmerzhaft.

Und ich wusste auch nicht, wie ich aus dieser Schleife wieder rauskommen sollte. Mein Körper war wie fremdgesteuert. Fest im Besitz von Mustern und Gewohnheiten, die mich einschnürten und alles in mir verengten. Gewohnheiten, die nicht darauf ausgerichtet waren, mir Verhör zu verleihen und mein Innerstes in der Sexualität zu offenbaren. Muster, die dafür gesorgt haben, dass mein Seelenkern, der in der Sexualität nackt vor einem anderen Menschen liegt, nicht verletzt wird. Mauer um Mauer. Ich – eingehüllt in einen dicken fetten Panzer, der nur eine Aufgabe hat: Mich zu beschützen.

Wer oder was ist der Panzer und was macht er mit deinem Leben? 

Nach einem besonders schlimmen Erlebnis, wo der Panzer seinen Dienst so richtig gut erledigt hat, indem er mich so fest eingeschnürt und bombensicher verschlossen hat, dass ich nicht nur den Zugang zu meiner Zunge verloren habe, sondern auch jegliche andere Instanz in mir, die sich ermächtigt gefühlt hätte, mit der Situation klarzukommen, wusste ich, dass es an der Zeit ist, mir Hilfe zu holen.

Ich hab in diesem Moment nicht nur meine Stimme verloren, sondern Zugang zu meinem Körper, zu allen anderen Körperfunktionen – ja, einen kurzen Augenblick lang hab ich sogar den Zugang zu meiner Seele völlig aus den Augen verloren und bin zwischenzeitlich disoziiert im Raum rumgeschwebt.

Unter Disoziierung wird in der Psychologie die Abspaltung von einem Teil seines Selbst verstanden. Ein Teil meines Selbst hat sich also von mir abgespalten, sodass ich ihn nicht mehr erreichen konnte und ist in die eine Zimmerecke geflogen. Von wo aus dieser Teil dann aus der Vogelperspektive zugeschaut hat, was der Rest von mir für Dummheiten anstellt. Das war ein bisschen verrückt. Und angsteinflößend. Zu merken, dass ich gerade nicht mehr in meinem Körper bin, sondern da oben rumschwebe und von dort aus meine Kommentare über die Situation abgebe.

Den Panzer lieben lernen 

Mein Traumapsychologe, bei dem ich gerade eine Weiterbildung mache, hat mir erst vor wenigen Wochen den letzten fehlenden Schlüssel gegeben, um dieses Erlebnis einzuorden und die Wichtigkeit in meiner Entwicklung darin zu erkennen. Weil so schlimm es sich vielleicht anhört und nachwievor auch anfühlt, war dieser Ereignis wesentlich für mich. Anhand dieser Erfahrung hab ich gelernt, wie unglaublich wichtig mein Panzer ist und wie verdammt schlau mein Körper und mein Wesen ist. Ich hab erfahren, dass selbst in Grenzsituationen, wo ich meilenweit über meine eigenen Grenzen gehe, es einen Teil in mir gibt, der für mich da bleibt und sich selbst zu helfen weiß, indem er sich abspaltet und die Flucht ergreift, um sich den Schutz und die Sicherheit zu suchen, die er braucht und die ich ihm in diesem Moment nicht geben kann. Ich hab mich mit meinem Sicherheitssystem und Schutzpanzer lieben gelernt und ein ganz neues Gefühl von vertrauen in mir gefunden, einfach weil ich weiß, ich kann mich auf dieses hochkomplexe und ausgeklügelte Sicherheitssystem verlassen.

Dass klingt jetzt vielleicht erstmal paradox, wollen doch so viele den Panzer möglichst schnell loswerden. Aber es ist ein unglaublich wichtiger Schritt den Panzer erst lieben zu lernen und sich dann Schritt für Schritt an die Arbeit zu machen, die Intentionen des Panzers, die meißtens irgendwas mit „Schutzbefinden“ zu tun hat, selbst übernehmen können und nicht die jeweiligen Muster und Gewohnheiten das für mich übernehmen.

Viele von uns wollen am liebsten JETZT SOFORT diesen Panzer loswerden. Sie wollen sich lebendig und frei fühlen, wollen weich werden und sich hingeben können, wollen kopflosen Sex genießen, wo völlige Präsentheit im Körper herscht. Aber dieser Panzer sichert dein Überleben. Und hat dir wahrscheinlich schon in vielen Situationen einen treuen Dienst geleistet. Dieser Panzer tritt dann ein, wenn du in Situationen landest, die dich überfordern und für die du emotional noch nicht gewappnet bist. Dieser Panzer ist dein Freund und Helfer. Er ist nicht dein Feind. Vielmehr geht es darum, eine Kooperation mit ihm zu starten. Ihn Stück für Stück wissen zu lassen, dass du auch ohne ihn klar kommst. Dass du Verantwortung für dich übernimmst und du selbst ein Auge darauf hast, deinen Seelenkern vor Verletzungen zu beschützen.

Mein eigener Panzer wurde, mit jeder gesammelten Erfahrung, wo ich endlich sprechen konnte, weicher. Er musste nicht immer gleich aktiviert werden, um mich vor der Situation zu beschützen, sondern mein Panzer durfte lernen mir zu vertrauen. Ich durfte lernen, mir selbst zu vertrauen. Durfte lernen, was es für mich bedeutet, mir einen sicheren Rahmen zu schaffen, BEVOR ich in einen sexuellen Kontakt gehe. Durfte lernen, was ich brauche, um mich entspannen zu können beim Sex. Durfte lernen, dass es okay ist, mittendrin den Raum der Stille zu unterbrechen und meine Stimme zu benutzen. Durfte lernen, meine eigene Impulse mit ins Spiel zu bringen. Mich zu zeigen, ganz da zu sein in meiner Sexualität.

Wie schaffen wir individuelle und kollektive Räume der sexuellen Heilung?

Es waren meine ersten kleinen Baby-Steps und es war das erste Mal, dass ich verstand, dass ich Hilfe brauchte. Diesen Weg zu gehen, geht nicht alleine. Es braucht ein achtsames Umfeld dafür.

Für mich speziell brauchte es besonders achtsame Männer und Frauen, die mir den Raum gegeben haben, mich und meine Muster zu erforschen. Die mich gehalten haben, wenn es eng wurde. Die mich aufgefordert haben zu sprechen, wenn ich stumm wurde. Die mich an der Oberfläche gehalten haben, wenn ich abtauchen wollte, in die hinterste Ecke meines Seelen-Wohnzimmers, um mich zu verstecken.

Jedem einzelnen dieser Menschen bin ich heute noch unendlich dankbar. Sie haben mir das größte Geschenk gemacht, das man einem Menschen geben kann. Sie haben mir den Raum für meine eigene Heilung geschenkt.

Heilung ist ein gemeinschaftlicher Prozess. Ohne kollektive Heilung keine individuelle Heilung. Ohne individuelle Heilung keine kollektive. Es ist dieser Satz, der mir vor ein paar Tagen unter die Augen gekommen ist, der mich nicht mehr loslässt: „Wir sind ein Endprodukt unserer Kultur, Ökonomie und Soziologie.“ Ein Endprodukt? Ich?

In mir hat sich alles gesträubt, als ich diesen Satz zum ersten Mal las. Ich will kein fucking Endprodukt sein. Und erst recht nicht, von dieser vermurksten Welt. Mein Teil in mir, der sich danach sehnt frei zu sein von dieser Welt, in die ich geboren wurde, hat rebelliert. Frei und völlig losgelöst zu sein. Nicht mehr die Altlasten der Generationen vor mir mit mir rumschleppen zu müssen. Endlichen diesen ganzen Ballast von uns werfen zu können und neu anzufangen.

Aber Heilung auf einer individuellen Ebene und Heilung auf kollektiver Ebene gehen hand in hand.

Meine eigene Heilung, die ich oben beschrieben habe, war nur möglich, aufgrund der Tatsache, dass ich mein Umfeld geändert habe. Ich habe mir eine Miniatur-Welt geschaffen, in der Werte vertreten werden, die mein höchstes Selbst wiederspiegeln. Ich habe die Menschen angezogen, die auf einem ganz ähnlichen Weg sind und diesen Heilungsweg unterstützen.

Manchmal nennen wir es auch eine „Bubble“. Ich habe mir eine Bubble erschaffen, in der mein Wesen und mein Selbst sich sicher fühlt. In der ich so sein darf und kann, wie ich will.

Die Vorstellung, dass um mich herum gerade tausende von Menschen dabei sind, sich auch eine solche Bubble zu schaffen; dass lauter kleine Oasen der Heilung entstehen, weltweit; diese Vorstellung gibt mir Hoffnung und Kraft weiterzumachen. Sie erfüllt mich mit Glückseligkeit und irgendeinem ganz tiefem Gefühl von „Es wird schon alles gut mit dieser Welt. Wir müssen nur weitergehen.“

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Danke, dass du bis hierhin gelesen hast. Ich hoffe, du hast dich inspierieren lassen und konntest etwas daraus mitnehmen. Wenn sich gerade was in dir regt und du es gerne teilen möchtest, freu ich mich von dir zu lesen in den Kommentaren. Ansonsten wünsche ich dir eine schönes weiterdriften im world wide web 😉

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2020-05-12T07:18:10+00:00