by Kaiya // 22. Feburar 2017

An der Fensterscheibe hängen noch die Überreste der letzten Regentropfen. Draußen ist es nass und feucht und der Wind schüttelt die Bäume ordentlich durch. Aber hier drinnen – hier ist es gemütlich. Ich sitze in einem alten Bücherladen. Vor mir liegt ein tiefroter Teppich und ich sitze in einem alten, ausgesessenen Sessel. Auf dem Tisch liegt ein dicker Wälzer von Stephen King, den ich gestern angefangen habe und zur Zeit verschlinge. Der erste Roman seit langem, nach gefühlt zigtausend Sachbüchern.

Ich bin mir nahe. So unglaublich nahe. Es ist wieder so ein Moment, in dem ich mich unglaublich klar spüre; in dem ich Heimat in mir finde.

Das war die letzten Tage nicht so.

Ich weiß auch nicht warum, aber ich neige dazu, immer verstehen zu wollen, warum mir gewisse Dinge im Leben passieren. Ich bin so eine typische „Über-Analyserin“. Ich will IMMER ALLES WISSEN. Am liebsten jetzt sofort. Da kann es schonmal passieren, dass ich, statt mich mit Freunden abends zu treffen, die Stunden lieber im Zimmer verbringe, um in mich zu kehren. Mir die Zeit zu nehmen, um mich kennenzulernen. Was ist da eigentlich in mir? Woher kommen bestimmte Gedankenmuster? Warum wiederholen sich Situationen immer und immer wieder? Was gibt es in mir, was ich noch nicht kenne?

Wie schnell willst du an’s Ziel kommen?

Und so schön es auch ist, sich selbst kennenlernen zu wollen, Licht ins Dunkle zu bringen, so kann es doch auch zu einer Versessenheit werden. Ja, dieser ganze Prozess der Bewusstwerdung kann zu einem Wettstreit mit dir selbst werden, wenn du nicht achtsam bleibst. Ich wollte immer mehr wissen. Immer tiefer in mich vordringen, Dinge erfahren und aufklären, die zur Zeit gar keine Relevanz haben.

Und dabei hab ich eins vergessen: Nämlich zu leben. Und zwar nicht nur durch den Kopf, sondern mit meinem ganzen Körper.

Manche Dinge in mir wollen noch nicht ans Licht gebracht werden. Sie wollen weiterhin im Dunkeln vor sich hinschlummern. Und zwar solange, bis die Zeit für sie reif ist, bis sie in ihrer vollen Pracht erblühen können und mir Schmerz, Freude, Befreiung und Erlösung schenken.

Aber nein – Ich bin ungeduldig. So verdammt ungeduldig.

Und so wurde die Geduld zu der wohl herausfordernsten spirituellen Praxis, in der ich mich je geübt habe. Und man, bin ich oft an ihr gescheitert und verzweifelt zurückgeblieben.

“Geduld ist das Vertrauen, dass alles kommt, wenn die Zeit reif dafür ist.”

Es ist Ende Februar. Die Blumen fangen langsam an ihre Knospen zu bilden, sind aber gleichzeitg weit davon entfernt zu erblühen. Und bevor ihre Knospe aufspringt und die ersten zarten Blütenblätter das Licht der Welt erblicken, braucht jede einzelne Blume mehrere Monate an Vorbereitung, um sich aus der Erde und Dunkelheit zu graben, um ihre Wurzeln tiefer in die Erde zu lassen, sich noch ein Stück tiefer mit der reinen Quelle zu verbinden, von der sie ihre Nahrung nimmt.

Ich weiß nicht, wie es euch gerade geht, aber mein Leben hat mich in den letzten zwei Wochen mehrmals in die Knie gezwungen. Mehr als einmal bin ich auf dem Boden gelandet, hab Tränen geweint und wie nach einem langen Kampf, den ich so nicht mehr führen möchte, endlich aufgegeben. Ich will nicht mehr kämpfen. Und erst recht nicht gegen mein eigenes Leben. Also hab ich aufgegeben. Hab aufgehört mein Leben in eine Richtung zwingen zu wollen, in die es nicht fließen will. Und auch, wenn ich mich jedesmal wie eine Verliererin gefühlt habe, ich mir eingestehen musste, dass ich die Schwächere bin und mein Leben immer eine gewisse Art von Kontrolle über mich hat, so war es doch eine Art Erlösung. Ein tiefes Empfinden der Freiheit, wie eine Erleichterung, dass der Kampf endlich zu Ende ist.

Durch die unterschiedlichsten Anmerkungen hat es mir versucht zu sagen, dass die Zeit noch nicht reif ist. Ich mich lieber auf mein eigenes Erblühen vorbereiten sollte, in dem ich meine Wurzeln pflege, statt es krampfhaft erzwingen zu wollen.

Was machen, wenn’s langweilig wird?

Seit heute bin ich offizielle Berlinerin. Mit einem eigenen Zimmer, einer Wohnung, einem Platz zum Sein.

Und trotzdem bin ich heute woanders angekommen. Wieder bei mir. In meinem eigenen kleinen Reich, das ich mir geschaffen habe. Ich lebe gerne dort. Dort, in meinem Zuhause.

Und egal, wie oft ich mich noch verlieren werde;
egal, wie oft ich mich nicht spüren kann und ich den Schlüssel zur Wohnungstür meiner Seele mal wieder verlegt habe,
nächstes Mal weiß ich, dass es Zeit ist zu warten. Nicht krampfhaft anfangen zu suchen und verstehen zu wollen, sondern zu warten. Einfach nur zu warten. So wie die Blume auf die ersten Sonnenstrahlen und ihr Erblühen einfach nur geduldig wartet, so werde auch ich einfach nur warten.

Warten. Warten. Warten.

Und dabei bestimmt das eine oder andere Mal an die Decke gehen und das Leben verfluchen, aber ich werde warten.

Einfach nur warten. Und die, vor sich hin verstreichende, Zeit mit schönen Dingen füllen.

Und falls du gerade schneller unterwegs sein solltest, wie ich, du schon mitten in deinem Aufblühen steckst, dann wünsche ich dir genau das: Ein schönes Erblühen. Zeig der Welt deine ganze einzigartige Schönheit, deine ganze in dir wohnende Kraft. Sie braucht es.

Und wenn nicht und du genauso am zappeln bist wie ich, dann lade ich dich herzlich ein, dich mit mir gemeinsam in Geduld zu üben, uns entspannt zurücklehnen und dabei zusehen, wie die Natur auch ganz ohne unser Wirken ihr Ding durchzieht und langsam aber sicher aufblüht.

In Liebe,

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Bist du bereit für mehr Intimität und Echtheit?

Falls ja, dann komm in meine SISTERHOOD Gruppe und lese exklusive Texte von mir, die nicht für die breite Öffentlichkeit bestimmt sind.

Ja! Ich bin bereit.
2017-07-18T15:51:15+00:00
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